Versunkenes Dorf Reschensee

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versunkenes Dorf im Reschensee - historische Bilder von Alt Graun
versunkenes Dorf im Reschensee – historische Bilder von Alt Graun, zu sehen beim Parkplatz am See
Das versunkene Dorf Alt Graun, bevor es zerstört und geflutet wurde
Das versunkene Dorf Alt Graun, bevor es zerstört und geflutet wurde

Alt Graun – Das versunkene Dorf im Reschensee

Versunkenes Dorf im Reschensee – diesen Beinamen trägt der Ort Alt Graun. Bevor der Reschensee Stausee aufgestaut wurde, mußte Alt Graun weichen. Die Bewohner wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und die Höfe aufzugeben. Kurz bevor das Wasser kam, wurden die Häuser gesprengt. Nur der Kirchturm im See blieb übrig. Heute kannst du am Rande des Stausees zahlreiche Informationen darüber lesen. Es gibt auch einige Bilder zu sehen.

Die seltsame Reschensee Geschichte

Bevor der heutige Reschensee aufgestaut wurde, gab es den natürlichen Reschensee. Er war um ein Vielfaches kleiner als der heutige Stausee. Die Hochebene rund um den See, das Wasser der umliegenden Berge und der Höhenunterschied in Richtung Meran lockten zum Bau eines Wasserkraftwerks. Bereits 1911 gab es die erste Untersuchung, die aufgrund von geologischen Schwierigkeiten nicht weiter verfolgt wurden. Alleine 1920 bewarben sich drei Konsortien um den Bau und Betrieb eines Wasserkfraftwerks. Die 1921 stattgefundenen Voruntersuchungen lehnten alle drei Projekte ab – sie hielten dem tiroler Gesetz nicht stand.

Nach der Eingliederung Südtirols zu Italien kam das erste eingereichte Projekt von 1920 wieder auf den Tisch. Der faschischtische italienische Staat ließ die Genehmigung des 1920er Projekts mit dem Hinweis aushängen, dass noch einige Änderungen notwendig seien. Das Dokument hing an der Amtstafel am Reschen zwischen den anderen Veröffentlichungen unterschiedlicher Art. Verfasst wurde der Aushang auf italienisch – im deutschsprachig geprägten Reschen-Gebiet. Das war im März 1940. 15 Tage später gab der Gemeindesekretär die Meldung zurück – keine Einwände. Und so wurde gebaut. Das Kuriose: Im Antrag war nicht die Erhöhung des Wasserspiegels um weitere 17 Meter enthalten, wie der Reschensee heute ist. Es wäre deswegen ein zusätzliches Untersuchungs- und Verhandlungsverfahren gesetzlich notwendig gewesen. Das blieb aber aus. Man sieht wie schlampig damals gearbeitet wurde oder wie bestehendes Gesetz mit Füßen getreten wurde. So ist im Konzessionsdekret von 1943 zu lesen, dass für das Ausführungsprojekt eine eigene Voruntersuchung vorgenommen wurde und es keine Einwände gab.

Mir kommt das sehr seltsam vor. Ähnlich dubios ist wohl auch die Ablöse der Grundstücke geregelt worden. Hier wurde scheinbar mit Druck des Staates und der Aussicht auf Enteignung gearbeitet. Je nach Güteklasse der Äcker und Wiesen wurden je Quadratmeter zwischen 0,15 Lire und 1,40 Lire geboten. 2000 Lire entsprechen ungefährt 1 Euro. Nachdem diese Preise kein Grundstückseigentümer annehmen wollte, kam es de facto zur Enteignung. Die Leitungen für das Kraftwerk und die Kraftwerksanlage wurden errichtet. Der 2. Weltkrieg stoppte den Bau im Herbst 1943.

Nach dem Krieg wurde der Bau fortgesetzt, jedoch fehlte der Betreiberfirma Montecatini das nötige Geld. Nun kamen die Schweizer ins Spiel. Die Schweizer Stromgesellschaft Elektrowatt brauchte dringend Strom in den Wintermonaten. Deshalb finanzierten sie der italienischen Firma Montecantini den Bau des Reschenstausee-Kraftwerks in Höhe von 30 Millionen Schweizer Franken. Die Gegenleistung war die Lieferung von 120 Gigawattstunden Strom für 10 Jahre. Die Stromlieferung sollte im November 1949 beginnen. Im Frühling 1947 wurde schließlich die Bevölkerung über die wahren Pläne informiert. Auf Basis der ehemals erteilten Genehmigung kam es zur Fertigstellung des heutigen Kraftwerks stammt Anhebung des Wasserspiegels – was de facto das alte Graun, die Weiler von Arlund, Piz, Gorf samt den Stockerhöfen von St. Valentin im Stausee versinken ließ. Die regionalen Politker und die Bevölkerung intervenierten in Italien, zwecklos.

Aus dem Haus gewässert

Bewilligt waren gemäß dem ursprünglichen Plan 5 Meter Stauhöhe, ansteigen ließ man nach dem Bau das Wasser auf über 20 Meter. Die Einwohner konnten das nicht glauben. Schließlich mußten sie sich aber fügen. „Gewalt geht über Recht“, sagt Zeitzeuge Kassian Warger. Rosa Maas berichtet, daß man in der Früh um 6 Uhr noch trockenen Fußes zur Morgenmesse gehen konnte. Im Laufe des Gottesdienstes stieg das Wasser und die Kirchenbesucher konnten die Kirche nur mehr über die oberhalb liegende Tür der Sakristei verlassen. Die Bewohner der Häuser wurden „aus dem Haus gewässert“, so Rosa Maas.

Versunkenes Dorf Alt Graun aufgetaucht

2021 mußte der Reschensee weitgehend abgelassen werden. Soweit ich weiß, war es das erste Mal nach der Stauung des Sees. Nötig wurde das aufgrund technischer Arbeiten an der Stauanlage. Sowohl Einheimische als auch auswärtige Beobachter waren gespannt, was sich nach dem Ablassen des Wassers offenbart. Das versunkene Dorf Alt Graun tauchte erstmals nach 71 Jahren wieder auf. Was es zu sehen gab, war in meinen Augen nicht so spektakulär. Das Wasser der umliegenden Berge hat in den Jahrzehnten viel Schlamm und Gestein in den Stausee transportiert. Das Material hat sich über den Ruinen und den Resten von Alt Graun abgelagert. Zu sehen gab es vom versunkenen Dorf nur einige Ruinenreste in Form von Treppen oder Betonmauern. Die italienischen Sprengmeister haben damals ganze Arbeit geleistet. Trotzdem war das öffentliche Interesse groß. Wenn du Bilder sehen willst, kannst du hier welche finden.

Graun am Reschensee

Interessanter finde ich den Blick auf die Auswirkungen und das heutige Dorf Graun. Als die Häuser von Alt Graun gesprengt wurden, sollte auch der dortige Friedhof im Wasser verschwinden. Über die Gräber sollte Beton gegossen werden. Die Toten sollten im versunkenen Dorf zurückbleiben. Nach einem großen Protest der Bewohner wurden die Verstorbenen aber exhumiert. Sie wurden auf den neuen Friedhof in Graun gebracht. Du findest ihn heute auf einer kleinen Anhöhe beim Kirchturm im See. Vom dortigen Parkplatz führt ein kurzer Weg hinauf. Dort ist auch das Grab des ehemaligen Pfarrers von Graun. Pfarrer Alfred Rieper kämpfte mit ganzer Kraft für die Bevölkerung von Graun, konnte aber das verskunkene Dorf im Reschensee nicht aufhalten. Selbst sein Besuch beim damaligen Papst war wirkungslos. Alfred Rieper ging als Vater der Gemeinde Graun in die Geschichte ein.

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